Veröffentlicht am

Das sind doch keine Probleme

Ich habe über Nacht meine Freundin Pina auf dem Land besucht. Sie wohnt dort nicht permanent, nur über das Wochenende spannt sie dort aus und erholt sich vom Trubel der Großstadt. Als ich ankam war ich völlig überdreht. Sie hat mich gebeten meine Klamotten zu wechseln, ich war angezogen wir eine Diva, und mir dann eine landtaugliche Jeans und ein Hemd von Ihrem Freund gegeben,  das war okay.  Früher noch hätte ich eine riesen Szene gemacht, oder besser gesagt, ich wäre gar nicht erst hin gefahren. „Raus aus der Stadt, wozu? Auf dem Land, da ist doch nix.“ – so hab ich gedacht. Als sie mich dann mit in den Hühnerstall genommen hat, bin ich vollends ausgerastet, es waren insgesamt zehn Hühner und ein Hahn auf dem Gelände und die haben alle brav ihre Eier gelegt. Das sollte unsere kleine Znacht werden.  Wir sind dann noch in Gummistiefeln über die Felder gestapft und ich habe mich so richtig wohl gefühlt. Etwas durchgefroren dann in das kleine Häuschen, da brennt ein Feuer, es gibt keine Zentralheizung, hat Pina mir einen heißen Kakao gemacht und mir auf einem kleinen Tellerchen Kekse gebracht. Ich saß eingemummelt in einer Decke auf dem Sofa.

Ich war richtig glücklich.

Wie haben dann über dies und jenes geredet.

Angefangen haben wir über Geld zu reden. Es kam uns so skurril vor, Pina sagte, dass jedes Mal, wenn sie ihrem Leben in der Großstadt entflieht, fühlt sie sich wieder frei. Und das, weil sie dort in ihrem kleinen Häuschen auf dem Land nichts braucht, sie isst das, was sie findet, sie sammelt sogar Kräuter von der Wiese und bäckt selber ihr Brot. Auf dem Gelände stehen Apfel und Birnenbäume und sie kennt einige Brombeersträucher in der Umgebung. Sie beschäftigt sich mit Holzhacken, Marmelade kochen, Spaziergängen, Instandhaltungen und Malerei.  Das ist doch unglaublich, dachte ich, so ein rückschrittliches und einfaches Leben, wie glücklich das macht. Was für ein Glück Pina und ihr Freund haben, dass sie so etwas leben können. In der Stadt arbeiten beide, Pina ist Illustratorin und ihr Freund hat sein eigenes Plattenlabel.  Sie haben es also geschafft. Könnte man meinen, Geld haben die beiden auch nicht viel, weil wenn sie viel arbeiten, dann geben sie auch viel aus, weil sie es sonst in der Stadt nicht aushalten würden. Sie kaufen sich in der Stadt den Komfort, den sie auf dem Land umsonst haben. Das kleine Häuschen auf dem Land haben sie sich leisten können, weil Pinas Freund mal etwas mehr Geld auf der Kante liegen hatte und dazu auch noch etwas geerbt hatte. Pina ist, was den Umgang mit Geld angeht, nicht besonders sparsam. Sie hat einfach  Glück gehabt. Mit ihren Illustrationen verdient sie sich höchstens ein sattes Taschengeld, dank KSK hat sie niedrige Sozialbeiträge und sie lebt in einer Wohnung mit einem uralten Mietvertrag, beste Konditionen für ein gutes Leben.

Ich fand das alles sehr inspirierend.

Als ich Pina von meinen Sorgen erzählte, hat sie nur abgewunken und gesagt, das seien doch keine Probleme! Mein Problem sei hauptsächlich die Art und Weise, wie ich denke. Ich denke immerzu daran, was ich nicht habe und nicht daran, was ich alles haben könnte. Es gibt viel größere Sorgen denen ich mich kreativ und konstruktiv widmen könnte. Na toll. Leider hat sie recht.

Meine Ängste entspringen dem Vorausahnen des Nicht-seins. Ich nehme vorrausschauend an, ein Nichts zu sein, damit ich in der Zukunft nicht enttäuscht bin, darüber, nur ein Nichts zu sein. Das ist Mindfuck delüx. Die absolute downward-spiral. Eigentlich war es wohl mal so gedacht, mein Leben nach dem Minimal-Prinzip lebend zu rechtfertigen. Doch bis jetzt habe ich mir mit dieser Denke selber eine Falle gestellt. Ich kann ja gar nichts mehr werden, weil ich ja annehme, ein Nichts zu sein, deswegen kann ich ja auch nur minimale Leistung erbringen, doch aber der maximale Ertrag, der fällt mit steigendem Lebensalter.

Es wird aller höchste Zeit das zu ändern. Achte auf deine Gedanken. Ich werde auf meine Gedanken Neun geben.

Das ist die Erkenntnis, die ich mitnehme. In der Nacht habe ich noch sehr gut geschlafen und als ich erwachte, habe mich seit langem wieder richtig erholt gefühlt. Gleich mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof, zurück in die Stadt, den großen Moloch.

Danke Pina und Fred, das war genau was ich brauchte, so ein bewusstseinserweiterndes Gespräch.

Advertisements

Über panglervandenberg

Ich habe Angst vor der Zukunft.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s